Unser Netz

Das Versprechen der Nullerjahre

Social-Media-Posts werden an rund ein Zehntel der Follower eines Accounts ausgespielt. Das ist für Sender und für Empfänger gleichermaßen frustrierend. Man stelle sich ein hundertseitiges Print-Magazin vor, welches seinen Leserinnen und Lesern gestattet, lediglich eine Handvoll Seiten zu betrachten … wobei der Verlag bestimmt, welche. Diese werden mit drei Seiten Werbung vermischt, um sie um unendlich viele Seiten mit Inhalten zu ergänzen, die der Verlag (basierend auf seinen Statistiken) für geeignet hält. Natürlich wieder im Wechsel mit weiteren ganzseitigen Anzeigen. Absurd und doch ‚Normalität‘ in sozialen Medien.

Twitter, Facebook, Instagram & Co. haben unseren Blick zunächst mit ihren verführerischen neuen Möglichkeiten der Zuspitzung und Verknappung, der Likes, Retweets und Kommentare sowie einer nie gekannten Spontanität und Schnelligkeit weg vom freien, ohne Algorithmen funktionierenden Netz gelenkt. Was für ein Spaß! Dabei haben wir viel zu spät den Kollateralschaden bemerkt: die Erschöpfung der Kapazitäten und der Motivation jener Menschen, die Blogs, Foren und persönliche Websites betrieben. Gleichzeitig griff das groteske Gesetz der Enshittifaction der sozialen Medien, also ihrem unvermeidlichen Qualitätseinbruch. Das lässt uns insgeheim spüren, dass uns dort etwas fehlt – nämlich 90% von dem, was uns eigentlich interessiert, während wir via Doomscrolling mit unendlich viel Sinnlos-Content beschossen werden.

Wer meiner Generation angehört, erinnert sich vielleicht noch an das Gefühl des Aufbruchs, der Freiheiten und des Beginns eines Kulturen-verbindenden Zeitalters, das mit dem Begriff des Globalen Dorfes ein so schönes Bild zeichnete. Dieses Dorf ist nun ein potemkinsches, seine Straßen fügen sich nicht mehr zu einem Netz zusammen (‚Du bist dabei, Instagram/LinkedIn/etc. zu verlassen. Möchtest du fortfahren?‘ JA, MANN! ES IST EIN FUCKING LINK!). Tech-Milliardäre kolonialisieren das Netz und suggerieren, dass dieser Zustand normal und alternativlos ist. Das ist jedoch falsch: die Normalität war das freie, das ‚Open Web‘. Es ist noch immer die Alternative.

Die Zeit scheint reif, das Versprechen der Nullerjahre einzulösen. Sachte kommen Blogs zurück und sei es in Form persönlicher Newsletter. Das inspiriert mich, da gehe ich mit. Dabei ist mir wie schon 1999 egal, ob meine Zeilen oder Bilder von einer oder eintausend Personen gelesen oder betrachtet werden. Sie sollen einfach auf die digitale Reise geschickt werden, ohne eine Erwartungshaltung, im festen Glauben jedoch, dass daraus Gutes entsteht. Ohne Statistiken, ohne Likes, ohne Algorithmen.

Alte Einträge meiner seit 27 Jahren in der einen oder anderen Form existenten Website habe ich gelöscht und nur noch die wenigen erhalten, die dokumentarische Relevanz haben. Ich möchte digital Gedanken teilen, damit sie zu Gesprächen im analogen Leben führen. Ich möchte Erkenntnisse festhalten, die vielleicht bei der Suche nach eigenen helfen können. Ich möchte Fotos zeigen, die aus meinem beständigsten Hobby heraus entstanden sind.

Aus diesen Gründen blogge ich wieder – in meiner Muttersprache, weil man ohnehin alles mit einem Klick übersetzen lassen kann. Man kann die Seite bookmarken oder den RSS-Feed abonnieren. Man kann es auch sein lassen. Noch mehr würde mich freuen, fühlte man sich inspiriert, es mir und vielen anderen gleich zu tun.

Ein Link ist noch immer etwas Verbindendes. Das Netz ist noch immer ein Netz. Es gehört noch immer uns.