Zum dritten Mal in Folge lasse ich mein Jahr in Büchern Revue passieren.
In meiner aktuellen Lebensphase lese ich eine angenehme Mischung aus Neuerscheinungen, Klassikern und älterer Belletristik sowie Sachbüchern. Da ich mich bereits im Vorfeld mit dem jeweiligen Titel auseinandersetze, bin ich selten enttäuscht. Dennoch werde ich natürlich hin und wieder überrascht. Aber lest selbst …
- ★★★★★ 🏆 Julia Peglow „Wir Internetkinder“ — Mein Buch des Jahres war eine solche Überraschung. Dieses intelligente, reflektierte, zuweilen philosophische Buch zur digitalen Transformation ist grandios. Auch wenn faszinierende Gedanken wie dieser einen gesellschaftlichen Abgesang vermuten lassen: „Wir haben aus den Augen verloren, an was wir früher geglaubt haben: an Design als eine Sichtweise, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Als ein demokratisches Instrument, ein Mittel zur Bildung und Vermittlung von Informationen, das Orientierung stiftet – und Sinn“, geht es Julia Peglow um nicht weniger als die Gestaltung der Zukunft. Dass zudem das Gebäude (und mitunter das Unternehmen) in der Kreuzberger Bergmannstraße, in dem ich die zehn prägendsten Jahre meines Berufslebens verbrachte, eine zentrale Rolle spielt, ist die berühmte Kirsche auf der Torte. Wie vom Hermann-Schmidt-Verlag gewohnt, bedient sich das Buch auch noch in den obersten typografischen und drucktechnischen Regalen (Flexcover mit silberner Prägung, durchgehend in drei Sonderfarben gedruckt). „Wir Internetkinder“ ist ein Muss für Kreative meiner und nachfolgender Generationen, für alle anderen ein uneingeschränkter Tipp.
- ★★★★★ Rudolf Naujock „Brücke am Kanal“ — Eine bildhaft schöne Beschreibung teils beschwerlicher Jahre des jungen Autors Rudolf Naujock, der sich in den Sechzigern seiner Jugend im Memelland erinnert – ohne, dass das Manuskript veröffentlicht wurde. Das wurde nun durch seinen Sohn Herwarth Naujok unter Mithilfe von Jürgen Siebert im Selbstverlag nachgeholt. Einerseits schade, dass solch ein lehrreiches Buch deutscher Geschichte und schlichtweg schönes Stück Literatur in Eigeninitiative veröffentlicht werden muss, andererseits fantastisch, dass es so überhaupt noch das Licht der Welt erblickt. Thematisch in Teilen ähnlich dem später beschriebenen Grass, aber weniger mariniert und daher diesem vorzuziehen. Ich möchte genau so schreiben können.
- ★★★★★ Thomas Fischer, Sebastian Werner „Eisenbahnchronik Mansfelder Land“ — Ja, es ist soweit. Ich habe ein Buch über Eisenbahnen gelesen. Und ja, ich hatte Spaß dabei! Zugegeben, es ist nicht irgendein Buch zum Thema, es ist ein Buch aus meiner unmittelbaren Heimat, aber nicht nur deshalb eine Empfehlung. Hier wird die Historie der Mansfelder Bergwerksbahn, der Halle-Hettstedter Eisenbahn, der Elektrischen Kleinbahn Mansfeld und der „Wipperliese“ beleuchtet. Die 450 Abbildungen sind bereits das Geld wert, aber auch die Geschichte und Geschichten zu diesen Strecken sind hochspannend, weil sie eng verwoben mit der größeren deutschen Historie sind und die wirtschaftliche und verkehrstechnische Bedeutung der Region beleuchten. Kurzum, ich bereue nichts. Nächster Halt: Modelleisenbahn.
- ★★★★★ Maxie Wander „Guten Morgen Du Schöne“ — Wie dieses Buch die ungeschminkten Lebensrealitäten von Frauen in der DDR und damit dem Leben im Arbeiter- und Bauernstaat wiedergibt, beeindruckt noch heute. Die damit erzählten, in sich abgeschlossenen Geschichten geben zu verstehen, dass dieses bemerkenswerte Stück Interviewliteratur über einen langen Zeitraum so erfolgreich wurde. Bedeutendere deutsche Bücher über Frauen gibt es nur wenige.
- ★★★★★ Samantha Harvey „Umlaufbahnen“ — Gebannt beobachtet man die Autorin beim Zeichnen eines literarischen Gemäldes – einer ausgedehnten Variation des Kubrikschen 2001-Themas. Während man sich selbst im Weltraum wähnt, passiert nicht viel. Man ist dennoch auf anregende Weise von der Kunst der Wörter fasziniert.
- ★★★★★ Thomas Nicolai „Maulberg“ — Schon beim Lesen des Plots hat mich der Ausgang dieses Experiments interessiert: ein sächsischen Dorf spielt für einen Monat DDR. Und tatsächlich, eben diese Neugierde ist der Sog, der mich innerhalb zweier Tage durch das Buch trug. Die tiefgründig-witzige Lesung des Autors, der ich beiwohnen durfte, macht zudem Lust auf das Hörbuch … allein schon des Sächsischen wegen.
- ★★★★★ George Saunders „Bei Regen in einem Teich schwimmen“ — Saunders selbst nennt sein Werk einen „gemeinsamen Spaziergang durch […] russische Erzählungen“. Während dieser Wanderung seziert Saunders feinfühlig erzählerische Juwelen der alten Meister Tschechow, Turgenjew, Tolstoi und Gogol und erläutert das Besondere an „Herr und Knecht“, „Die Nase“ oder „Auf dem Wagen“. So ein leichtfüßiges Lehrbuch hätte es verdient, Schullektüre zu werden … dann gäbe es wieder mehr Dichter und Denker im Land. Wem die über 500 Seiten zu lang scheinen, darf gern auch nur das letzte Kapitel „Wir kommen zum Schluss “ lesen. Dann verpasst man zwar den wohlschmeckenden Hauptgang, wird aber vom Dessert auch schon satt.
- ★★★★☆ Habib Selmi „Die Frauen von al-Bassatîn“ — Habib Selmi beschreibt die tunesische Gesellschaft und ihrer Spannungen kurz vor dem Ausbruch des Arabischen Frühlings. Im Fokus stehen dabei vor allem unterschiedliche Frauen, die ihre Rolle in der Gesellschaft suchen. Es ergeben sich interessante Parallelen zu anderen Kulturen und gesellschaftlichen Umbrüchen, beispielsweise des letzten Jahrhunderts in Deutschland.
- ★★★★☆ Hans Fallada „Berliner Abenteuer“ — Dieses Buch kam als Geschenk zu mir, nachdem wir ein Wochenende in Falladas letzter Heimat, Carwitz, verbrachten. Ohne Erwartungen und ohne Ahnung seines Inhalts berührte es mich. Auch ohne das Wissen über Rudolf Ditzens (Falladas richtiger Name) Biografie entfaltet sich eine berührende, weil ehrliche und dabei Zwischen Witz und Beklemmung variierende Beschreibung eines psychisch herausfordernden Lebens. Nebenbei zeichnet er ein hochinteressantes Sittengemälde Berlins der Zeit zwischen den Weltkriegen.
- ★★★☆☆ Günter Grass „Beim Häuten der Zwiebel“ — Nach den ersten 200 Seiten war ich noch zwiegespalten – trotz der irre spannenden Lebensgeschichten mit geradezu unglaublichen Erinnerungen des Nobelpreisträgers zum zweiten Weltkrieg (wovon einige wohl auch fiktiv sein dürften) drängt sich sein Schreibstil zu sehr in den Vordergrund. Sicher, so kunstvoll mit Worten umgehen wie er können Wenige. Aber am Ende will ich dem Inhalt auch folgen können und nicht das vermutlich selbstzufriedene Lächeln des Autors vor Augen sehen. Wen das nicht stört, liest ein Meisterwerk.
- ★★★☆☆ Peter Scholl-Latour „Zwischen den Fronten“ und “Der Fluch der bösen Tat“ — Man mäandert durchaus beeindruckt, aber eben auch ein wenig ziellos durch, wie Scholl-Latour selbst sagt, „erlebte Weltgeschichte“. Ich hatte eher strukturierte Thesenbücher erhofft, die anekdotisch verwebten Essays verlangen mehr Geduld und Aufmerksamkeit. Dennoch keine Enttäuschung.
- ★★☆☆☆ Uwe Timm „Am Beispiel meines Bruders“ — Nach den ersten zwei Seiten erzeugt das Buch bereits eine Gänsehaut. Leider kann es das Versprechen, was es damit gibt, nicht halten und zeigt sich in der Folge eher durchwachsen. Es ist dennoch ein wichtiges Buch, welches als Annäherung, wie so etwas wie der Zweite Weltkrieg, eben am Beispiel einer Familie, überhaupt geschehen konnte.
- ★☆☆☆☆ Elfriede Jelinek „Die Klavierspielerin“ — Dieses Buch lässt mich ratlos, vielleicht sogar verstört zurück. Die Sprache ist beeindruckend gewaltig, der tiefe Blick in drei psychisch kranke Protagonist(inn)en ist aber schwere Kost. Schwere Kost, die ich grundsätzlich bereit bin zu verdauen, sofern sich mir der Sinn erschließt. Tut er aber nicht.