Kaum, dass ich meinen Lehrauftrag für Typografie an der Berliner Hochschule für Technik angenommen habe, befragten mich Studierende des Studiengangs Digitale Medien und Print für ein Magazin namens Nachdruck zum Thema. Das Magazin wurde von den Studentinnen und Studenten selbst konzipiert, gestaltet und geschrieben. Leider wurde es bislang nicht gedruckt. Mit freundlicher Genehmigung von Inga Biesel, die mir die Fragen stellte, darf ich das leicht gekürzte Interview stattdessen an dieser Stelle veröffentlichen. Vielleicht erlaubt es einen kleinen Blick auf meine typografische Sichtweise.
Worin besteht für Sie die besondere Faszination an Typografie, was macht Schrift für Sie im Design so zentral?
Obwohl die wenigsten Menschen darüber nachdenken, nutzen alle Schrift und Typografie – über den ganzen Tag hinweg, denn wir lesen und schreiben ständig. Dank der technischen Geräte, die wir mit uns tragen, sogar noch häufiger und aktiver als jemals zuvor. Dabei besitzt Typografie die Fähigkeit, Inhalte besser oder schlechter zu vermitteln. Egal welche Art von Text – ob Bücher, Banking-App, Bahnfahrpläne, Notifications, Wegweiser, Plakate –, sie alle sollen gelesen werden. Manchmal unter erschwerten Bedingungen, wenn beispielsweise wenig Zeit vorhanden ist oder Sichtverhältnisse beeinträchtigt sind. Wenn wir also wissen, dass das Lesen mit guter Typografie besser gelingt, warum erfährt sie dann so oft keine Wertschätzung? Diese Frage fasziniert mich. Für mich ist gute Typografie daher so etwas wie eine Superkraft. Eine Superkraft, die man erlernen kann. Grafik-, User-Interface-, Editorial-Design – sie alle profitieren von dieser Power.
Für mich ist gute Typografie so etwas wie eine Superkraft. Eine Superkraft, die man erlernen kann.Hinzu kommt die Fähigkeit von Schrift, ein bestimmtes Gefühl hervorzurufen – eine Anmutung, eine Wirkung, eine atmosphärische Botschaft oder gar die Markenwerte eines Unternehmens. Ich bezeichne Schriften daher als „Soundtrack“ einer Information. Auch auf den achtet man beim Betrachten eines Filmes nicht bewusst, aber er verstärkt die beabsichtigte Wirkung oder atmosphärische Botschaft einer Szene.
Wie hat sich diese Leidenschaft im Laufe Ihrer Laufbahn entwickelt?
Angekündigt hatte sich mein Interesse an Schrift und Typografie mit dem Kauf meines ersten Computers kurz nach der Etablierung des Internets. Mit dem HTML-Editor Netscape Composer bastelte ich einfache Websites. Ich war nachhaltig beeindruckt von diesen neuen kreativen Möglichkeiten. Die Leidenschaft dafür entwickelte sich dann während meiner Ausbildung zum Mediengestalter für Digital- und Printmedien. Dort kam ich das erste Mal mit professionellen Fonts und Designs in Berührung. Seitdem tauchte ich immer tiefer in das nahezu unerschöpfliche Thema ein, neben der Ausbildung vor allem autodidaktisch mit Hilfe von Büchern, Blogs und Tutorials. Als ich für mein anschließendes Studium nach Berlin zog und hier auf zahlreiche Protagonisten der Branche traf, bekam meine Leidenschaft zusätzlich einen menschlichen Bezug. Ich kam mit inspirierenden Personen in Kontakt und verstand, dass auch meine berufliche Zukunft mit Buchstaben zu tun haben musste.
Es gab bislang keinen Tag, an dem mich das Thema langweilte. Im Gegenteil, ich entdecke noch immer neue Aspekte und sehe die Bedeutung von Schrift und Typografie weiterhin wachsen.
Ich sehe die Bedeutung von Schrift und Typografie weiterhin wachsen.Mit Ihrem Unternehmen Fontwerk bringen Sie regelmäßig neue Schriften auf den Markt. Warum? Es gibt doch schon so viele gute Schriften.
Absolut! Aber es ist auch schon über alles geschrieben worden und trotzdem werden täglich hunderte neue Bücher veröffentlicht.
Ich habe mal überschlagen: mit meiner Musiksammlung könnte ich etwa ein Vierteljahr ununterbrochen Musik hören. Selbst wenn ich nach drei schlaflosen Monaten wieder von vorn beginnen würde, würde ich die Musik erneut gerne hören wollen. Trotzdem suche ich nach musikalischen Neuentdeckungen und freue mich, wenn ich meine Sammlung um neue Songs, Artists oder gar Genres erweitern kann.
Mit Schriften verhält es sich ebenso. Designerinnen und Designer sind ständig auf der Suche nach neuen, unverbrauchten Fonts, zumal sich auch Trends und technische Anforderungen ändern. Diese Entwicklungen aktiv zu begleiten, motiviert mich enorm.
Welche aktuellen Trends in der Typografie beobachten Sie, insbesondere im Hinblick auf variable Fonts und den digitalen Wandel?
Ich sehe vor allem einen Trend zu großen Schriftfamilien. Zum einen sprachlich: eine vollumfängliche europäisch-lateinische Sprachunterstützung ist mittlerweile Minimalstandard. Kyrillische und griechische Zeichen stellen ebenfalls keine allzu Besonderheit mehr dar. Zusätzlich wächst in Zeiten der Globalisierung der Wunsch nach afrikanisch-lateinischen Zeichensätzen oder gar arabischen, hebräischen und asiatischen Alphabeten. Gerade letzteres ist ob des enormen Zeichenumfangs für Anwender und Hersteller eine große Herausforderung.
Zum anderen werden Schriftfamilien auch stilistisch umfangreicher: wo früher wenige Schriftschnitte genügten, sind heute Gewichte von Hairline bis ExtraBlack gefragt. Ob das dann in jedem Fall so sinnvoll angewendet werden kann, steht auf einem anderen Blatt.
Spannender finde ich den Trend hin zu optischen Größen. Das sind Schriften mit Varianten, welche geringe formale Unterschiede aufweisen, um sich ideal verschiedenen Anwendungszwecken anzupassen.
Optische Größen waren im Bleisatz gang und gebe, in der digitalen Welt drängt das Thema erst seit ein paar Jahren wieder in den Vordergrund. Die Hausschrift der BHT, die Case, besitzt beispielsweise drei optische Größen: Case Micro für Konsultationsgrößen (z. B. in Fußnoten oder Bildunterschriften), Case Text für Lesegrößen (fortlaufender Text, z. B. in Korrespondenzen oder Magazinen) und die „normale“ Case für Schaugrößen (z. B. Überschriften oder Wortmarken). Das kann gerade in responsiven Umfeldern in Kombination mit variablen Fonts ganz sinnvoll sein, wenn beispielsweise eine Website, die auf einem Smartphone gelesen wird, eine andere optische Größe anzeigt als auf einem riesigen Display. Das Beispiel BHT zeigt dabei auch, dass dieses nüchterne Feature auf ungewohnte Weise inspirieren kann: so wird die Case Micro hier gern mal für Überschriften auf der Website und Flyern oder auf großformatigen Bannern an Gebäuden verwendet.
Was macht für Sie „gute“ Typografie aus – und was ist für Sie ein typischer Gestaltungsfehler?
Diese Frage hoffe ich, im Rahmen meines Kurses beantworten zu können. In aller Regel will gute Typografie die Leserlichkeit optimieren. Leserlichkeit bedeutet, wie gut oder schlecht können Informationen objektiv aufgenommen bzw. entziffert werden. Es geht dabei um das Wahrnehmen, Erkennen und Unterscheiden von einzelnen Zeichen, Buchstaben und Wörtern. Es gibt eine Unmenge an Einflussfaktoren, nach der DIN 1450, die beschreibt, wie Schriften leserlich dargestellt werden, genaugenommen 37!
Um mal einen typischen, absolut vermeidbaren Gestaltungsfehler zu nennen und da ich ihn wiederholt beim Besuch eines Handballspiels gesehen habe, als ich versucht habe, die Sponsorenlogos auf den Trikots der Spielerinnen zu entziffern: falsche Schriftgröße. Was beim Gestalten am Bildschirm noch riesig wirkt, ist in einer schlecht beleuchteten Sporthalle aus Reihe 5 schon nicht mehr zu erkennen. So ein Sponsoring ist teuer, warum verzichtet man dann so leichtfertig auf den gewünschten Werbeeffekt?
Typografie kann Haltung, Werte und Identität transportieren – gerade im Branding. Wie bewusst setzen Sie Schrift als Träger von Markenwerten ein?
Das tun wir vor allem, wenn wir für unsere Auftraggeberinnen und Auftraggeber exklusive Schriften im Auftrag gestalten. Dann setzen wir uns in einem Workshop mit den relevanten Abteilungen des Unternehmens oder der Marke zusammen und besprechen deren Markenwerte (Beispiel: R+V). Wir stellen so sicher, dass wir und die Verantwortlichen des Unternehmens die selbe Vorstellung davon haben, was die Markenwerte tatsächlich bedeuten. Ausgehend davon übersetzen wir das in Designkriterien, nach denen wir die Schrift entwickeln. So werden beispielsweise aus einem Markenwert „begeisternd“ die Designkriterien „dynamisch, ausdrucksstark, persönlich“ und die zu schaffende Schrift schon klarer vorstellbar, mit den weiteren Markenwerten immer klarer. Das können wir während des Prozesses sowohl intern als auch gegenüber dem Auftraggeber immer wieder miteinander abgleichen und so sicherstellen, dass die Schrift am Ende die Markenwerte bestmöglich, wenngleich natürlich subtil repräsentiert.
Gibt es ein Projekt oder eine Marke, welche für Sie beispielhaft zeigt, was Typografie kann?
Anhand des Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung kann man eindrücklich sehen, welchen Unterschied Typografie machen kann. Das von CDU, CSU und SPD seinerzeit veröffentlichte 146-seitige Papier machte praktisch alles falsch, was man falsch machen konnte. Leselust Fehlanzeige (siehe koalitionsvertrag2025.de). Das wiederum veranlasste Journalist und Medienmacher Oliver Wurm mit einem von Prof. Sabine Cole geführten Team von Design-Studierenden dazu, den Koalitionsvertrag nach grundlegenden Regeln der Typografie und des Kommunikationsdesigns als Magazin zu gestalten und zu veröffentlichen (siehe derkoalitionsvertrag.de). Das muss man sich mal vorstellen. Am Ende haben Leute für das Lesen dieses langen, inhaltlich dichten Dokumentes 12€ bezahlt – allein der guten typografischen Gestaltung wegen.
Ein ganz frisches Beispiel dafür, was Schrift leisten kann, ist unser Semi-Custom-Font-Projekt für die Suchmaschine DuckDuckGo. Semi-Custom-Fonts nennen wir bestehende Retail-Schriften aus unserem Katalog, die auf individuelle Wünsche der Auftraggeberinnen und Auftraggeber hin angepasst werden. Suchmaschinen sehen ziemlich gleich aus. Im Browser tut sich eine weitestgehend weiße Seite auf, was das Branding über Farbe, abgesehen vom Logo, nahezu ausschließt. Das Branding über den zweiten visuellen Markenbaustein, Form, ist hier unmöglich. Ein Bildschirm bleibt ein Bildschirm, ein Browser ein Browser. Marken haben hier, im Gegensatz z. B. zu Printmedien, keine Möglichkeit, eigene Akzente zu setzen. Es bleibt also nur noch die Schrift. Und die von uns gezeichnete Pangea, die wir zur Duck Sans modifiziert haben, schafft hier meiner Meinung nach den Spagat perfekt, so vertraut zu sein, dass sie sich nicht ablenkend in den Vordergrund drängt und dabei dennoch anders und eigenständig wirkt, dass sie unterbewusst auffällt und Wiedererkennbarkeit erzeugt.
Was war der schönste oder überraschendste Moment, den Sie mit einem Fontwerk-Projekt erlebt haben?
Da gibt es so viele schöne und spannende Anekdoten, aber der schönste und gleichzeitig überraschendste Moment ist immer dann, wenn man selbst auf die eigenen Schriften in freier Wildbahn trifft. Das kann in einem Klamottenladen in Slowenien sein, im Social-Media-Feed, auf einer Krankenstation in der Charité, überall plakatiert in der eigenen Stadt für eine Kampagne, in einem Buchladen in Thüringen oder beim gemütlichen Fernsehabend auf der Couch.
Wo sehen Sie, auch durch die Digitalisierung, neue Möglichkeiten oder Herausforderungen für das typografische Gestalten?
Gerade im digitalen Umfeld gibt es noch viel Nachholbedarf. So zwingt die Wikipedia beispielsweise ihren Redakteurinnen und Redakteuren teilweise falsche mikrotypografische Zeichen und Praktiken auf (z. B. überlange Zeilen, falsche Apostrophe und Anführungszeichen). Die Möglichkeiten, auf einer Website oder App Worttrennungen typografisch und orthografisch korrekt darzustellen, sind noch immer nicht mit einfachen Mitteln gegeben, so dass hier der Spaß am Lesen verloren gehen kann. Das Bewusstsein dafür scheint noch nicht ausreichend vorhanden zu sein, denn das ist ja nun wahrlich keine überkomplexe Angelegenheit.
Meine These dazu ist, dass Design an sich – von der Typografie ganz zu schweigen – einen größeren gesellschaftlichen Stellenwert bekommen und bereits in der Schule thematisiert werden müsste. Das hätte auch positive Auswirkungen auf andere Lebensbereiche wie Produktdesign, Landschaftsgestaltung oder Architektur, wo auch nicht immer nur Fortschritt zu verzeichnen ist, um es mal vorsichtig zu formulieren.
Welchen Rat oder Tipp würden Sie Studierenden mitgeben, die sich intensiver mit Typografie beschäftigen möchten?
Sie könnten natürlich meinen Kurs belegen. Sie könnten aber auch ein gutes Fachbuch zur Hand nehmen. Aktuell empfehle ich unter anderem: Sabrina Öttl „Der erste Eindruck zählt!“, Antonia M. Cornelius „Buchstaben im Kopf“, Jason Santa Maria „Webtypografie“, oder Martin Mosch „Die typografische Komposition“. Das englischsprachige Buch „Flexible Typesetting“ von Tim Brown gibt es unter flexibletypesetting.com als kostenloses eBook und unter leserlich.info und typefacts.com kann man sich guter Typografie mit teils interaktiven Elementen nähern.