Einer aktuellen Studie zufolge sind 18–24-Jährige im Schnitt 3 Stunden und 19 Minuten am Tag in den sozialen Netzwerken unterwegs. Vom Tag bleibt neben Ausbildung, Studium oder Arbeit dann nicht mehr viel. Auch ich vergeude noch immer zu viel Zeit in diesen Aufmerksamkeitsfallen, Tendenz immerhin sinkend (wobei dies auch eines empirischen Belegs bedürfte). Ein gutes Buch setzt sicher nicht so viel und so kontinuierlich Dopamin frei, hinterlässt jedoch bleibenderen Eindruck als jedes YouTube-Video oder jede Instagram-Story. Welche dies im vergangenen Jahr bei mir geschafft haben (und welche nicht), verrate ich hier.
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- Louis-Ferdinand Céline „Krieg“ — Mein Buch des Jahres ist ein eindrücklicher Beleg für die Brutalität, Widerlichkeit und Drastik von Kriegen und dafür, wie klug und berührend Literatur diese Grausamkeiten darzustellen vermag.
- Benjamín Labatut „Maniac“ — Die Geschichte der Atombombe mitreißend und in außergewöhnlicher Form verknüpft mit den jüngsten Entwicklungen künstlicher Intelligenz. Nichts für Fans von Happy-Ends.
- Domenico Müllensiefen „Aus unseren Feuern“ – Die verschiedenen Geschichten und Zeitebenen entwickeln auch Dank tiefgehender Hauptfiguren, die mir teilweise aus eigener Erfahrung vertraut sind, einen starken Sog. Bonuspunkte gibt es für auf eigenwillige Art starke Frauenfiguren.
- Bernhard Schlink „Das späte Leben“ — Ein schönes, ein trauriges, ein Buch über den Wert und die Mühen der Liebe, welches im Verlauf immer intensiver wird.
- Oliver Burkeman „4000 Wochen: Das Leben ist zu kurz für Zeitmanagement“ – Wie viel Zeit bleibt uns? Und warum sollte uns die Antwort auf diese Frage nicht stressen? Zwar hätte man den Inhalt dieses philosophischen Augenöffners auf die Hälfte eindampfen können, aber es ändert nichts am inspirierenden neuen Blick auf die Welt. Ich habe es schon weiterverschenkt, das ist immer ein gutes Zeichen.
- Oscar Wilde „Das Bildnis des Dorian Gray“ – Der Nimbus des Klassikers trägt sicher zur andauernden Faszination des Buches bei. Den Status hat es sich aber verdient und dabei wenig von seiner Aktualität eingebüßt.
- Helga Schubert „Vom Aufstehen“ — Es wirkt ein wenig, als hätte die Autorin gesammelte Fragmente kurzer Geschichten zu einer belletristischen Collage zusammengetragen. Wenn dabei derart große, zugleich unaufdringliche Literatur entsteht, erscheint mir dies eine nachahmenswerte Strategie zu sein.
- Katja Hoyer „Diesseits der Mauer – Eine neue Geschichte der DDR 1949–1990“ — Ganz einfach das inhaltlich und literarisch beste Buch zur Geschichte meines Geburtslandes, welches ich bislang gelesen habe. Interessant sind vor allem die Anfänge des sozialistischen Staates.
- Volker Ullrich „Acht Tage im Mai – Die letzte Woche des Dritten Reiches“ — Über die fürchterlichste Episode der deutschen Geschichte kann man nicht genug lesen. Mit dem Suizid Hitlers war der Krieg eben noch nicht zu Ende. Hochdramatisch schildert der Autor die Tage danach. Allein der Rückblick auf diesen kurzen Zeitraum genügt, vermeintlichen politischen Alternativen die Daseinsberechtigung abzusprechen.
Okay
- Isaac Asimov „Foundation Trilogy“ – Die Aufmachung des Buches aus der Everyman’s Library hat mir sehr gefallen. Den vielen Zeitebenen und damit unzähligen Personen, die auftauchen und wieder verschwinden, kann man vielleicht in seiner Muttersprache besser folgen. So war es eine Herausforderung, die jedoch durch ihre teilweise tagesaktuellen Bezüge ihren Reiz hat.
- Andrea Hanna Hünniger „Das Paradies: Meine Jugend nach der Mauer“ – Gelesen, für okay befunden und schnell wieder vergessen. Ich weiß nicht mal mehr, was ich dazu schreiben soll.
- Frank Bösch „Zeitenwende 1979 – Als die Welt von heute begann“ – Dass gerade dieses Jahr eine Zeitenwende eingeleitet haben sollte, interessierte mich. Die Erwartungshaltung wurde jedoch nur teilweise bestätigt, z.B. wenn es um den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan geht.
Flop
- Thomas Mann „Der Zauberberg“ – Vielen gilt dieser Roman als der beste, den die deutsche Sprache hervorgebracht hat. Sicher, sprachlich ist der Zauberberg über jeden Zweifel erhaben. Ich habe jedoch nach rund 200 Seiten aufgegeben. Ich glaube, das Buch im Kern schon verstanden zu haben, aber für weitere 800 Seiten dramaturgisches Geplätscher fehlt mir in der hektischen Gegenwart einfach die Zeit … oder die Muße.
- Max Frisch „Stiller“ – Auch bei diesem Klassiker ergeht es mir ähnlich. Ist Mister White nun Stiller und damit schuldig oder nicht? Es wird einem schnell egal.
- Saša Stanišić „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne“ – Ich mochte Stanišić’s „Vor dem Fest“, aber beim neuesten Roman komme ich einfach nicht rein, trotz des famosen Titels.
- Rick Rubin „The Creative Act – A Way of Being“ – Davon abgesehen, dass mich Weißraum noch nie so angestrengt, nein, genervt hat wie in diesem Buch, weiß ich noch immer nicht, was mir dieser von Vielen hochgelobte Schmöker mitgeben wollte. Rick Rubin ist eine Musiklegende, The Creative Act hat in großen Teilen die selbe Wirkung wie ein seichter Popsong.